03.09.2026

Eingliederungshilfe unter Druck: Selbstbestimmung auf dem Spiel

Drei Freunde genießen gut gelaunt einen Kinobesuch mit Popcorn

Manchmal sind es die Zahlen, die einem erst klar machen, worum es eigentlich geht. Über eine halbe Million Menschen in Deutschland sind auf Leistungen der Eingliederungshilfe angewiesen. Das sind Leistungen, die es Menschen mit Behinderungen ermöglichen, selbstbestimmt zu leben: Assistenz beim Aufstehen, Begleitung auf dem Weg zur Arbeit, Unterstützung in der eigenen Wohnung.

Seit Monaten wird darüber diskutiert, ob und wie an genau diesen Leistungen gespart werden soll. Was in politischen Debatten oft sehr abstrakt klingt, ist für die Menschen, die es betrifft, ganz konkret: Es geht darum, ob sie morgen früh jemanden haben, der ihnen hilft aufzustehen.

Eingliederungshilfe: ein Recht, kein Almosen

Eingliederungshilfe ist keine Sozialleistung im Sinne von Fürsorge. Sie ist ein Recht. Ein Recht, das aus dem Grundgesetz folgt, das in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert ist und das das Bundesteilhabegesetz konkretisiert. Der Kern dieses Rechts ist Selbstbestimmung: Menschen mit Behinderungen sollen nicht länger Objekte der Fürsorge sein, sondern gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft, die über ihr eigenes Leben entscheiden.

Assistenz ist in diesem Verständnis kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Selbstbestimmung überhaupt möglich wird. Ohne die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wann man aufsteht, wohin man geht und mit wem man Zeit verbringt, ist Selbstbestimmung eine leere Hülle.

Was Selbstbestimmung konkret bedeutet und warum sie nicht mit Unabhängigkeit zu verwechseln ist, haben wir in unserem Artikel Inklusion heißt: Du entscheidest mit beschrieben.

Die aktuelle Reformdebatte und ihre Folgen

Die Reformdebatte rund um die Eingliederungshilfe ist nicht neu. Aber sie hat in den vergangenen Monaten an Schärfe gewonnen. Es geht um Einsparungen, um Pauschalisierung von Leistungen, um gemeinsame statt individuelle Leistungserbringung. Was das bedeutet: Statt einer Assistenz, die auf die Person zugeschnitten ist, soll eine Assistenz für mehrere Menschen gleichzeitig zuständig sein.

Das klingt organisatorisch sinnvoll. Aber es bedeutet in der Praxis: weniger individuelle Passung. Weniger Selbstbestimmung darüber, wie und wann Unterstützung stattfindet. Und in manchen Fällen: Leistungen, die es so vorher gab und die wegfallen.

Konkret spürbar: der Alltag unter Druck

Wenn Assistenzleistungen knapper werden, merkt man das nicht auf dem Papier. Man merkt es am Morgen, wenn jemand nicht kommt. Man merkt es daran, dass man den Termin nicht wahrnehmen kann, weil keine Begleitung da ist. Man merkt es daran, dass Entscheidungen, die man selbst treffen wollte, wieder von anderen getroffen werden.

Für Menschen, die lange dafür gekämpft haben, selbstbestimmt zu leben, ist das nicht nur praktisch schwierig. Es ist eine Verletzung von etwas, das viel grundlegender ist als Logistik. Es ist eine Verletzung von Würde.

Unsere Haltung dazu

Wir sind kein politischer Akteur. Aber wir erleben täglich, was Selbstbestimmung im Alltag bedeutet und was sie braucht. Wir erleben, was es für Menschen bedeutet, wenn sie wirklich mitentscheiden können, wie ihr Tag aussieht, wohin sie reisen, mit wem sie Zeit verbringen.

Und wir erleben, was es mit Menschen macht, wenn das wegfällt oder in Gefahr gerät. Deshalb halten wir es für wichtig, dieses Thema zu benennen, auch wenn es unbequem ist.

Was Teilhabe bedeutet und warum sie mehr ist als ein politisches Schlagwort, beschreiben wir in Mehr Teilhabe für alle. Und was Selbstbestimmung auf Reisen bedeutet, erfährst du unter Reise.

Ein erster Schritt

Informiere dich. Sprich darüber. Und wenn du direkt betroffen bist oder jemanden kennst, der es ist, lass dich beraten. Unsere Beratung ist ein guter erster Schritt. Wir helfen dir, deinen Weg durch die Möglichkeiten zu finden, die es gibt, und stehen dir dabei zur Seite.

Über Sabine Koch

Sabine Koch ist Gründerin, Geschäftsführerin und Leiterin des ambulanten Dienstes – drei Rollen, die bei ihr keine getrennten Kapitel sind, sondern ein einziger Antrieb.