17.09.2026

Das Internet selbst verstehen: Digitale Selbstbestimmung beginnt beim Ausprobieren

Freundesgruppe

Eine Nachricht verschicken, ein Foto teilen, eine Zugverbindung suchen, einen Termin nachschauen oder mit Freunden in Kontakt bleiben: Viele alltägliche Dinge finden inzwischen zumindest teilweise digital statt. Wer sich mit Smartphone und Internet auskennt, bekommt dadurch Zugang zu Informationen, Unterhaltung und anderen Menschen.

Gleichzeitig verändert sich diese digitale Welt ständig. Apps sehen plötzlich anders aus, neue Funktionen tauchen auf und bei manchen Nachrichten weiß man nicht, ob man ihnen vertrauen kann. Selbst Menschen, die jeden Tag online sind, kennen dieses Gefühl.

Wer bei digitalen Dingen Unterstützung braucht, erlebt allerdings noch eine weitere Schwierigkeit. Es kann passieren, dass andere Menschen das Smartphone einfach übernehmen, Einstellungen verändern oder Entscheidungen treffen, weil es schneller geht. Das Problem ist nicht die Unterstützung an sich. Entscheidend ist, ob die Person weiterhin versteht und bestimmt, was mit ihrem Gerät und ihren Daten passiert.

Digitale Teilhabe braucht Zeit zum Ausprobieren

Natürlich ist es schneller, jemandem das Handy abzunehmen und eine Einstellung selbst zu verändern. Für die Person, die Unterstützung braucht, entsteht dabei allerdings kaum eine Möglichkeit, den Vorgang beim nächsten Mal selbst zu verstehen.

Unterstützung kann deshalb auch bedeuten, gemeinsam auf den Bildschirm zu schauen, einzelne Schritte zu erklären und jemanden selbst ausprobieren zu lassen. Das dauert möglicherweise länger. Dafür entsteht die Chance, dass beim nächsten Mal schon ein Teil allein funktioniert.

Dieses Prinzip entspricht ziemlich genau dem Verständnis von Begleitung, das Villa Kunterbunt auch in anderen Lebensbereichen verfolgt. Im Beitrag „Inklusion heißt: Du entscheidest mit“ geht es darum, dass Unterstützung die eigene Entscheidung ermöglichen und nicht ersetzen soll.

Das gilt auch digital. Wem möchte ich schreiben? Welches Bild möchte ich verschicken? Welche App möchte ich benutzen? Was möchte ich über mich preisgeben? Das sind persönliche Entscheidungen, auch wenn bei ihrer Umsetzung Unterstützung notwendig ist.

Selbstständigkeit bedeutet nicht, alles allein zu können

Digitale Kompetenz bedeutet außerdem nicht, jede Funktion eines Smartphones zu kennen. Fast jeder von uns muss gelegentlich jemanden fragen, wenn eine Einstellung verschwunden ist oder eine neue Anwendung nicht so funktioniert wie erwartet.

Viel wichtiger ist die Möglichkeit, Fragen stellen und Neues ausprobieren zu können. Dafür braucht es eine Umgebung, in der Unsicherheit nicht peinlich sein muss.

Das passt zu einem größeren Gedanken, der die Arbeit von Villa Kunterbunt prägt. Auf der Seite „Über uns“ beschreibt Villa Kunterbunt Selbstbestimmung und Begleitung auf Augenhöhe als zentrale Grundlagen. Unterstützung soll dort ansetzen, wo sie gebraucht wird, ohne einem Menschen das eigene Handeln abzunehmen.

Ähnlich funktioniert die Alltagsbegleitung von Villa Kunterbunt. Selbstständigkeit kann wachsen, wenn Unterstützung flexibel an den tatsächlichen Bedarf angepasst wird.

Die digitale Welt gehört zum Alltag

Digitale Teilhabe wird in Zukunft kaum weniger wichtig werden. Informationen, Kommunikation und viele Dienstleistungen verlagern sich weiter ins Internet. Umso wichtiger ist es, digitale Kompetenz nicht als Spezialwissen zu betrachten, das manche Menschen eben haben und andere nicht.

Jeder Mensch darf lernen. Jeder Mensch darf nachfragen. Und jeder Mensch darf dabei sein eigenes Tempo haben.

Es geht deshalb nicht darum, dass plötzlich alle Technikprofis werden. Es geht darum, digitale Möglichkeiten so kennenzulernen, dass daraus echte Handlungsmöglichkeiten entstehen.

Wenn jemand irgendwann eine Nachricht selbst verschickt, eine Verbindung eigenständig heraussucht oder erkennt, dass eine verdächtige Nachricht besser nicht geöffnet werden sollte, mag das von außen nach einer Kleinigkeit aussehen. Für die eigene Selbstständigkeit kann genau diese Kleinigkeit ziemlich groß sein.

Über Sabine Koch

Sabine Koch ist Gründerin, Geschäftsführerin und Leiterin des ambulanten Dienstes – drei Rollen, die bei ihr keine getrennten Kapitel sind, sondern ein einziger Antrieb.