15.09.2026

Verlieren gehört dazu: Warum wir nicht immer gut in etwas sein müssen

Zwei Frauen im Rollstuhl mit einem Hund in der Mitte lachen

Gewinnen macht Spaß. Das gilt beim Kartenspiel genauso wie beim Kegeln, beim Fußball, bei einem Quiz oder bei einem kleinen Wettbewerb in der Gruppe. Wer gewinnt, hat etwas geschafft und bekommt vielleicht sogar noch Applaus dafür. Schwieriger wird es meistens auf der anderen Seite des Ergebnisses. Wenn wir uns angestrengt haben und trotzdem verlieren, kann das ganz schön frustrierend sein.

Manche Menschen können darüber schnell lachen, andere brauchen erst einmal Abstand. Vielleicht war die Niederlage tatsächlich unfair. Vielleicht lief einfach alles schief oder die anderen waren schlicht besser. Dass uns das nicht immer kaltlässt, ist normal. Interessant ist vielmehr, wie wir anschließend damit umgehen und ob wir uns trotz einer Enttäuschung wieder auf etwas Neues einlassen können.

Spielen und Verlieren haben deshalb mehr mit unserem Alltag zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Wir erleben Enttäuschung, vergleichen uns mit anderen und müssen akzeptieren, dass wir nicht alles kontrollieren können. Gleichzeitig entdecken wir manchmal Fähigkeiten und Seiten an uns, die uns vorher gar nicht aufgefallen sind.

Frust gehört zum Spielen dazu

Wenn jemand verliert und sich darüber ärgert, muss dieser Ärger nicht sofort verschwinden. Gefühle lassen sich schließlich nicht einfach auf Knopfdruck abschalten. Das gilt beim Spielen genauso wie in anderen Lebenssituationen. Villa Kunterbunt hat sich deshalb bereits ausführlicher damit beschäftigt, warum auch Wut, Frust und Überforderung ihren Platz haben dürfen.

Viel hilfreicher als ein schnelles „Ist doch nicht schlimm“ kann es sein, gemeinsam herauszufinden, was gerade gebraucht wird. Vielleicht hilft eine kurze Pause. Vielleicht möchte jemand erzählen, warum die Situation so ärgerlich war. Manchmal reicht es auch, erst einmal etwas anderes zu machen und später eine neue Runde zu beginnen.

Solche Situationen entstehen auch, wenn Menschen gemeinsam unterwegs sind. Auf den Urlaubs- und Bildungsreisen von Villa Kunterbunt verbringen unterschiedliche Menschen mehrere Tage miteinander. Da läuft nicht immer alles nach Plan. Menschen haben unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen davon, was Spaß macht. Genau dadurch entstehen viele Situationen, in denen man sich selbst und die anderen besser kennenlernt.

Nicht gut sein und trotzdem Spaß haben

Viele von uns haben irgendwann gelernt, Tätigkeiten mit Leistung zu verbinden. Wenn wir etwas gut können, machen wir es gerne. Wenn wir uns unsicher fühlen oder merken, dass andere deutlich besser sind, ziehen wir uns dagegen schnell zurück.

Dabei wäre es schade, nur Dinge zu tun, bei denen wir von Anfang an erfolgreich sind. Du darfst beim Kegeln die Rinne treffen, beim Quiz keine Antwort wissen oder beim Tanzen den Schritt vergessen und trotzdem einen richtig guten Abend haben.

Das hat auch mit Selbstbestimmung zu tun. Wer selbst entscheiden darf, was er ausprobieren möchte, muss dabei nicht gleichzeitig beweisen, dass er es besonders gut kann. Im bestehenden Beitrag „Inklusion heißt: Du entscheidest mit“ beschreibt Villa Kunterbunt, wie wichtig eigene Entscheidungen auch in scheinbar kleinen Alltagssituationen sind.

Diese Freiheit beinhaltet eben auch die Entscheidung, etwas zu versuchen, bei dem man möglicherweise scheitert.

Ein Spiel kann mehr sein als ein Ergebnis

Spiele schaffen außerdem Situationen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, ohne dass dieses Gespräch vorher geplant werden muss. Man sitzt zusammen, wartet auf seinen Zug, lacht über eine unerwartete Wendung oder diskutiert darüber, ob eine Regel wirklich so gemeint war.

Gerade in neuen Gruppen kann das hilfreich sein. Niemand muss sofort eine spannende Geschichte erzählen oder besonders offen auf andere Menschen zugehen. Es gibt zunächst etwas, das alle gemeinsam tun. Aus diesem Kontakt kann mit der Zeit mehr entstehen. Dass zwischen einfachem Kontakt und wirklicher Begegnung ein Unterschied besteht, beschreibt auch der Blogbeitrag „Der Unterschied zwischen Kontakt und Begegnung“.

Nach einem gemeinsamen Spieleabend erinnert man sich deshalb häufig gar nicht mehr genau an den Punktestand. Viel eher bleiben die Situationen im Gedächtnis, über die alle gemeinsam gelacht haben, oder der Moment, in dem jemand über sich selbst hinausgewachsen ist.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Wert solcher Aktivitäten. Wir dürfen gewinnen und verlieren, ehrgeizig sein und uns ärgern. Gleichzeitig erleben wir, dass ein Ergebnis nur ein kleiner Teil dessen ist, was passiert, wenn Menschen gemeinsam Zeit verbringen.

Über Sabine Koch

Sabine Koch ist Gründerin, Geschäftsführerin und Leiterin des ambulanten Dienstes – drei Rollen, die bei ihr keine getrennten Kapitel sind, sondern ein einziger Antrieb.