04.09.2026

Selbstbestimmung heißt nicht alleine entscheiden

Gemeinsamer Abend am Lagerfeuer mit Gitarrenmusik in gemütlicher Runde.

Das Wort Selbstbestimmung trägt ein Missverständnis in sich. Es klingt, als ginge es darum, alles alleine zu machen. Alleine zu entscheiden, alleine zu tragen, auf niemanden angewiesen zu sein. Unabhängigkeit, kurz gesagt.

Aber das ist nicht, was Selbstbestimmung bedeutet. Nicht für Menschen mit Behinderungen, und wenn man ehrlich ist: auch nicht für alle anderen.

Selbstbestimmung: der wichtige Unterschied

Selbstbestimmung bedeutet, selbst zu entscheiden, wie man leben will. Nicht: ohne Hilfe auskommen. Sondern: die Hilfe, die man braucht, so gestalten, dass man trotzdem die ist, die entscheidet.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Jemand, der jeden Morgen Assistenz beim Aufstehen braucht, kann trotzdem vollkommen selbstbestimmt leben, wenn er entscheidet, wann er aufsteht, was er danach tut und wie sein Tag aussieht. Und jemand ohne jede Behinderung kann fremdbestimmt leben, wenn andere ständig über ihn entscheiden, ohne ihn zu fragen.

Selbstbestimmung ist keine Frage des Unterstützungsbedarfs. Sie ist eine Frage der Kontrolle über das eigene Leben.

Ein Missverständnis mit Folgen

Das Missverständnis zwischen Selbstbestimmung und Unabhängigkeit hat Konsequenzen. Es führt dazu, dass manche Menschen mit Behinderungen das Gefühl haben, Unterstützung in Anspruch zu nehmen bedeute, Selbstbestimmung aufzugeben. Das ist falsch. Und dieses falsche Bild kann dazu führen, dass jemand auf Hilfe verzichtet, die er braucht, und darunter leidet.

Es führt auch dazu, dass manche Begleitungen unbewusst falsch anlaufen: mit der Überzeugung, dass mehr Hilfe automatisch besser ist, oder dass man möglichst viel abnehmen sollte. Aber Selbstbestimmung zu stärken bedeutet manchmal, gerade nicht einzugreifen. Abzuwarten. Die andere Person entscheiden zu lassen, auch wenn man selbst es anders gemacht hätte.

Selbstbestimmung in der Praxis

In der Praxis bedeutet Selbstbestimmung: fragen statt annehmen. Was brauchst du? Wie willst du das? Wann soll ich da sein und wann nicht? Das klingt einfach, ist aber eine Haltung, die konsequent gelebt werden muss.

Es bedeutet auch: eigene Grenzen kennen und benennen. Wer selbstbestimmt leben will, muss wissen, was er will, und das kommunizieren können. Das ist für manche Menschen eine eigene Aufgabe, eine, die Übung braucht und manchmal Unterstützung.

Wie kleine Entscheidungen im Alltag viel ausmachen, beschreiben wir auch in Inklusion heißt: Du entscheidest mit.

Urlaubsreisen als Übungsfeld

Eine Urlaubsreise ist eine besonders gute Gelegenheit, Selbstbestimmung zu üben und zu erleben. Man trifft Entscheidungen: Wohin will ich heute? Was möchte ich essen? Will ich mit der Gruppe gehen oder lieber kurz alleine sein? Diese Entscheidungen mögen klein klingen. Aber für Menschen, die im Alltag oft wenig Raum für eigene Entscheidungen haben, sind sie alles andere als klein.

Auf unseren Urlaubsreisen ist es uns wichtig, dass Urlaubende wirklich mitentscheiden. Nicht im Rahmen eines vorgegebenen Programms, aus dem man auswählen darf, sondern echtes Mitgestalten. Was wollen wir heute machen? Was braucht wer? Wie gehen wir damit um, wenn verschiedene Menschen verschiedene Bedürfnisse haben?

Das ist manchmal komplizierter als ein festes Programm. Aber es ist echter. Und es ist das, was nachbleibt, wenn die Reise vorbei ist: das Wissen, selbst entschieden zu haben. Selbst gestaltet zu haben. Selbst gewählt zu haben.

Selbstbestimmung stärken: ein Anfang

Wenn du das Gefühl hast, dass in deinem Alltag zu wenig Raum für eigene Entscheidungen ist, ist das ein wichtiges Signal. Manchmal liegt das an äußeren Strukturen, manchmal an der eigenen Unsicherheit, manchmal an beidem.

Unsere Beratung ist ein guter Ort, um herauszufinden, was dir helfen könnte und welche Möglichkeiten es gibt. Und unser Team steht dir gerne zur Seite, du erreichst uns über Kontakt.

Über Sabine Koch

Sabine Koch ist Gründerin, Geschäftsführerin und Leiterin des ambulanten Dienstes – drei Rollen, die bei ihr keine getrennten Kapitel sind, sondern ein einziger Antrieb.