Jeden Morgen dasselbe Frühstück, immer derselbe Platz am Tisch, ein bestimmter Ablauf vor dem Schlafengehen oder die Gewohnheit, die Tasche bereits am Abend zu packen: Routinen haben keinen besonders aufregenden Ruf. Wer von einem spannenden Leben erzählt, berichtet eher von spontanen Ausflügen und neuen Erfahrungen als davon, dass Schlüssel und Geldbeutel jeden Tag am gleichen Platz liegen.
Dabei erfüllen vertraute Abläufe eine wichtige Aufgabe. Sie nehmen uns Entscheidungen ab, geben Orientierung und sorgen dafür, dass ein Teil des Tages vorhersehbar bleibt. Für manche Menschen ist diese Verlässlichkeit angenehm, für andere kann sie eine wichtige Voraussetzung dafür sein, genügend Energie für neue Situationen zu haben.
Routinen und Freiheit müssen deshalb keine Gegensätze sein. Ein verlässlicher Rahmen kann sogar dabei helfen, sich an anderer Stelle auf Veränderungen einzulassen.
Verlässlichkeit spart Kraft
Jede Entscheidung verlangt ein wenig Aufmerksamkeit. Was ziehe ich an? Wann muss ich los? Wo befindet sich meine Tasche? Was passiert nach dem Frühstück? Wie komme ich zu meinem Termin? Viele dieser Fragen beantworten wir im Alltag durch Gewohnheiten, ohne darüber nachzudenken.
Das gilt auch für Menschen, die sich selbst als spontan bezeichnen. Kaum jemand erfindet jeden Morgen den vollständigen Tagesablauf neu. Wir entwickeln Routinen, weil sie funktionieren und weil unser Kopf dadurch nicht ständig dieselben kleinen Entscheidungen treffen muss.
Für Menschen, denen Veränderungen schwerfallen oder die viele Eindrücke besonders intensiv wahrnehmen, kann diese Verlässlichkeit eine noch größere Bedeutung haben. Ein bekannter Ablauf schafft einen Rahmen, in dem nicht jede Situation neu eingeordnet werden muss und dadurch mehr Aufmerksamkeit für andere Dinge übrigbleibt.
Der Beitrag „Reizüberflutung: Wie viele Eindrücke sind zu viel?“ zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf eine hohe Menge an Reizen reagieren können. Routinen können dabei helfen, zumindest Teile eines Tages überschaubar und vorhersehbar zu halten.
Das bedeutet keineswegs, dass möglichst wenig Veränderung stattfinden sollte. Vielmehr kann gerade ein verlässlicher Ausgangspunkt dabei helfen, Neues besser zu bewältigen.
Ein stabiler Rahmen kann Neues möglich machen
Auf Reisen wird dieses Zusammenspiel besonders sichtbar. Ein fremder Ort bringt automatisch Veränderungen mit sich: Das Zimmer sieht anders aus, die Menschen sind neu, Mahlzeiten finden möglicherweise zu anderen Zeiten statt und der Tagesablauf unterscheidet sich von zu Hause.
Für manche Reisende ist genau das besonders spannend. Andere brauchen zunächst Zeit, um sich auf die neue Umgebung einzustellen. Keine dieser Reaktionen ist besser oder schlechter, denn Menschen unterscheiden sich darin, wie viel Veränderung sie angenehm finden und wie schnell sie sich an neue Situationen gewöhnen.
In solchen Situationen kann es helfen, einzelne vertraute Elemente beizubehalten. Vielleicht ist ein bestimmtes Morgenritual wichtig oder der nächste Tag wird am Abend gemeinsam besprochen. Eine andere Person braucht nach einem Ausflug eine verlässliche Ruhezeit, bevor das nächste gemeinsame Programm beginnt.
Solche Routinen verhindern nicht, dass Neues passiert. Im Gegenteil: Wenn ein Teil des Tages vorhersehbar bleibt, kann genügend Sicherheit entstehen, um sich an anderer Stelle auf unbekannte Erfahrungen einzulassen.
Villa Kunterbunt hat sich im Beitrag „Routine und Veränderung: Warum wir Gewohnheiten brauchen und wie viel Neues guttut“ bereits mit diesem Spannungsfeld beschäftigt. Gerade im Alltag lohnt es sich, Routinen nicht vorschnell als mangelnde Flexibilität zu bewerten, sondern zunächst danach zu fragen, welche Funktion sie für einen Menschen erfüllen.
Selbstbestimmung gilt auch für Gewohnheiten
Problematisch wird eine Routine nicht dadurch, dass sie regelmäßig stattfindet. Entscheidend ist vielmehr, wem sie dient und wie viel Einfluss ein Mensch auf sie hat.
Manche Abläufe entstehen in Familien, Einrichtungen oder Unterstützungssettings vor allem deshalb, weil sie organisatorisch praktisch sind. Gegessen wird zu einer bestimmten Zeit, weil es immer so gemacht wurde. Ein Termin liegt an einem festen Wochentag, obwohl ein anderer Zeitpunkt für die betreffende Person besser wäre. Freizeit findet zu bestimmten Zeiten statt, weil es in den Dienstplan passt.
In solchen Situationen lohnt sich die Frage, ob ein Ablauf tatsächlich Sicherheit für den Menschen schafft oder hauptsächlich den Alltag anderer erleichtert.
Eine selbst gewählte Gewohnheit kann Orientierung und Sicherheit geben. Eine ausschließlich von außen festgelegte Routine kann sich dagegen wie Fremdbestimmung anfühlen. Der Beitrag „Inklusion heißt: Du entscheidest mit“ zeigt, dass Selbstbestimmung gerade bei solchen scheinbar kleinen Alltagsfragen beginnt.
Auch Villa Kunterbunt beschreibt auf der Seite über die eigene Arbeit und Haltung Unterstützung als etwas, das sich am einzelnen Menschen orientieren sollte. Die Frage ist deshalb nicht, ob jemand viele oder wenige Routinen hat, sondern ob diese Abläufe guttun, Sicherheit schaffen und mit den eigenen Bedürfnissen zusammenpassen.
Freiheit muss schließlich nicht bedeuten, jeden Morgen aufzuwachen und alles neu zu entscheiden. Für manche Menschen entsteht ein Gefühl von Freiheit gerade dadurch, dass bestimmte Dinge verlässlich sind und dadurch genügend Kraft und Aufmerksamkeit für diejenigen Bereiche bleiben, in denen etwas Neues passieren darf.











































