Stark sein klingt zunächst ziemlich eindeutig. Wer stark ist, hält durch, löst Probleme und kommt allein zurecht. Zumindest begegnet uns dieses Bild immer wieder.
Besonders Jungen und Männer wachsen häufig mit bestimmten Vorstellungen davon auf, wie sie mit Unsicherheit, Angst oder Überforderung umgehen sollten. Gleichzeitig betrifft der Druck zur Selbstständigkeit keineswegs nur Männer. Auch Menschen mit Behinderungen erleben häufig widersprüchliche Erwartungen. Einerseits wird ihnen weniger zugetraut, andererseits sollen sie möglichst selbstständig funktionieren.
Dabei lohnt es sich, genauer darüber nachzudenken, was Selbstständigkeit und Stärke eigentlich bedeuten.
Hilfe anzunehmen kann selbstbestimmt sein
Ein Mensch kann in einem Lebensbereich sehr selbstständig sein und in einem anderen Unterstützung benötigen. Das ist kein Widerspruch.
Entscheidend ist vielmehr, wer darüber bestimmt, welche Unterstützung gebraucht wird und wie sie aussieht. Genau dieser Gedanke steht hinter dem Beitrag „Inklusion heißt: Du entscheidest mit“. Selbstbestimmung zeigt sich dort nicht dadurch, dass ein Mensch alles allein erledigen kann, sondern darin, dass seine Entscheidungen ernst genommen werden.
Auch die Alltagsbegleitung von Villa Kunterbunt orientiert sich daran. Menschen können Unterstützung bei Terminen, Haushaltsaufgaben oder Freizeitaktivitäten erhalten und trotzdem selbst bestimmen, wie ihr Alltag aussehen soll.
Das verändert auch unseren Blick auf Stärke. Zu wissen, wann man Unterstützung braucht, kann genauso selbstbewusst sein wie etwas allein zu erledigen.
Menschen dürfen widersprüchlich sein
Ein Mensch kann mutig sein und gleichzeitig Angst haben. Er kann gern unter Menschen sein und trotzdem Zeit für sich benötigen. Jemand kann sehr selbstständig leben und in bestimmten Situationen auf Assistenz angewiesen sein.
Menschen werden interessant, weil sie sich nicht auf eine einzige Eigenschaft reduzieren lassen.
Das zeigt sich besonders dann, wenn wir genügend Zeit miteinander verbringen. In dem bestehenden Artikel „Was wir über uns lernen, wenn wir auf Menschen treffen, die ganz anders leben“ beschreibt Villa Kunterbunt, wie Begegnungen die eigenen Vorstellungen verändern können.
Was zunächst wie ein deutlicher Unterschied zwischen zwei Menschen wirkt, wird nach einiger Zeit oft nur noch zu einem von vielen Merkmalen. Man entdeckt Humor, Interessen, Eigenheiten, Unsicherheiten und Fähigkeiten.
Stärke braucht keine feste Rolle
Gerade bei der Begleitung von Menschen mit Behinderungen kann schnell eine feste Rollenverteilung entstehen: Hier ist die Person, die hilft, dort die Person, die Hilfe erhält.
Das greift zu kurz. Auf Reisen verbringen Menschen mehrere Tage miteinander. Eine Begleitperson unterstützt möglicherweise bei bestimmten Tätigkeiten. Gleichzeitig kann sie selbst unsicher sein, zum ersten Mal Verantwortung für eine Gruppe übernehmen oder in einer ungewohnten Situation Unterstützung von anderen brauchen.
Die bestehende Seite zur Reisebegleitung und den Jobs bei Villa Kunterbunt macht deutlich, dass dabei Teamwork und gemeinsames Erleben eine wichtige Rolle spielen. Auch der Blogartikel über den Alltag von Studierenden mit Behinderung und die Bedeutung echter Begegnung zeigt, wie beide Seiten aus diesen Erfahrungen etwas mitnehmen können.
Vielleicht sollten wir Stärke deshalb weniger daran messen, wer wem hilft. Viel interessanter ist, ob Menschen ihre eigenen Bedürfnisse kennen, Verantwortung übernehmen können und gleichzeitig anderen zugestehen, dass auch sie Unterstützung brauchen dürfen.











































